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Lady Bird – Filmreview

© Universal Pictures

“I hate California, I want to go to the East Coast. I want to go where culture is like New York. Or at least Connecticut or New Hampshire, where writers live in the woods.”

Christine “Lady Bird” McPherson und ihre Mutter, Marion McPherson, sitzen zusammen im Auto. Weinend. Sie hören ein Hörbuch, dass nun nach einer langen Reise zu Ende geht. 21 Stunden und 5 Minuten dauerte ihr College-Trip, bemerkt Lady Bird, während sie die Länge des Hörbuchs auf der Rückseite der CD liest. Die beiden lachen jetzt. Sie lachen und gleichtzeitig weinen sie noch ein bisschen. Lady Bird lehnt sich nach vorne und schaltet das Radio ein. Ihre Mutter schaltet es wieder aus. “Let’s just sit with what we heard. We don’t need to constantly be entertaining ourselves, do we?” Der Satz von Marion hätte Wort für Wort (natürlich auf Deutsch) auch von meiner Mutter stammen können. Jetzt streiten sie sich, bis sich Lady Bird aus dem fahrenden Auto wirft. Ihre Mutter schreit.

Der Film Lady Bird handelt von einem Mädchen namens Lady Bird – eigentlich Christine, einen Namen den sie ablehnt – in ihrem letzten Jahr an einer katholischen Schule in Kalifornien und ihrer komplizierten Beziehung mit ihrer Mutter.

Der Film fühlt sich an wie ein Klassiker. Aber nicht auf die Art und Weise, wie sich normalerweise Filme anfühlen, die probieren, Klassiker zu werden: So prätenziös wie nur irgendmöglich. Nein – Lady Bird fühlt sich echt an. Echter als jeder Film, den ich je gesehen habe. Die Charactere sprechen wie Menschen, fühlen wie Menschen und sind kompliziert, komplex und wiedersprüchlich wie echte Menschen. Für mich ist Lady Bird all das, was alle Coming-Of-Age Storys, die ich bis jetzt gesehen habe, verpasst haben. Er ist eine Ode zur Jugend, zur Girlhood, und der komplexen Beziehung zwischen einer Mutter und einer Tochter, welche probiert ihren eigenen Platz als Erwachsene zu finden.

In einem Directors Panel, den ich vor einiger Zeit gesehen habe, sprach Greta Gerwig, Drehbuchautorin und Regisserin, über ihre Inspiration für ‘Lady Bird’ – sie beschäftigt sich beim Schreiben gerne mit simplen Fragen, die komplizierte Antworten haben. Dazu gehört für sie auch die Frage auf die Beziehung mit der Mutter: “If you stop any woman on the street and say ‘Hey, how is it with you and your mom?’, it’s gonna be a really long answer and I feel like you should make movies about things that have long, complicated answers.”

An einer unwichtig scheinenden, aber aussagestarken Stelle des Filmes stehen Marion und Lady Bird in einem Charity-Shop und suchen nach einem Kleid für Lady Bird. Marion macht ein misbilligende Bemerkung darüber, wie ihre Tochter die Füße schleift. Diese nennt ihre Mutter passivaggresiv. Ein immer lauter werdender Streit bricht aus – bis die Mutter plötzlich ein Kleid hochhält und beide strahlen, als wäre nichts gewesen: “Ohh, it’s perfect!”

‘Lady Bird’ ist teils inspiriert von Gerwigs eigenen Leben – so habe sie sich zwar nie aus einem fahrenden Auto gestürzt, jedoch lebte auch sie 2002 ihr letztes Jahr der Schule in Sacramento, Kalifornien. Der Gerwig von damals nicht unähnlich scheint ihre Protagonistin nur wegzuwollen: Sie findet Sacramento langweilig, ihr Leben langweilig, das Jahr langweilig: “The only thing exciting about 2002 is that it’s a palindrome.” Am liebsten möchte sie an die Eastcoast: An eine Schule wie Yale, aber nicht Yale, weil sie da wahrscheinlich nicht angenommen wird.

Der Film machte mir klar, was ich schon lange unterstütze, aber selten fundiert begründen konnte: Warum Diversität in der Filmindustrie wichtig ist. Die meisten Filmemacher sind weiße Männer – deren limitierte Sicht auf die Welt nur ein limitiertes Spektrum im Film bietet. ‘Lady Bird’ hätte nicht von einem Mann geschrieben oder directed werden können: Es war eine von Grund auf und unentschuldigend weibliche Geschichte, was wahrscheinlich das war, was mir bei vielen anderen Geschichten gefehlt hat. Die Charactere von Holden Caulfield und Charlie Kelmeckis sind nicht dafür geschrieben, dass ich mich mit ihren identifizieren kann. Lady Bird ist für Frauen geschrieben, ohne das es diese intelektuell unterschätzt. Die meisten Geschichten spezifisch für Frauen sind schwammige Liebesgeschichten, abwertend auch oft “Chick Flicks” genannt – oft genug von Männern erzählt. Doch bis zu einem bestimmten Punkt kann sich jedes Mädchen mit Lady Bird identifizieren. Ihre Geschichte vom Erwachsenwerden – obwohl sie sehr spezifisch ist – ist auch universell. Bei der Essenz ist egal, ob Lady Bird aus Sacramento, California oder Dinslaken, NRW kommt.

‘Lady Bird’ ist seit diesem Donnerstag in Deutschen Kinos. Tessa ist zwar um ihn im Original zu gucken extra nach Oberhausen gefahren, ab dem 10. Mai wird er aber auch im ‘Lichtburg Center Dinslaken’ zu sehen sein.

(Text: Theresa “Tessa” Sählbrandt; Bild: © Universal Pictures)

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