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Interview: Corona und das Jugendzentrum P-Dorf

Lisa Wolf ist Leiterin des P-Dorfs, dem Jugendzentrum in Dinslaken-Hiesfeld. Wir haben sie befragt, wie das Team mit der Corona-Pandemie umgeht.

Interessieren würde mich zunächst, wie ihr die Arbeit im P-Dorf vor dem zweiten Lockdown Ende November gestaltet habt?

Über den Sommer hatten wir ja die Situation, dass die Regelungen immer mehr gelockert wurden. Dadurch konnten wir auch mehr anbieten und die Angebotsgruppen vergrößern, die wir nach dem ersten Lockdown im März erst mal sehr klein halten mussten. Im Herbst mussten wir dann durch die Verschärfung der Regelungen die Gruppen wieder verkleinern. Durch Corona muss sich allerdings zu allen Angeboten angemeldet werden und es besteht natürlich Maskenpflicht. Die sonst „offene Tür“ im P-Dorf dürfen wir leider nicht anbieten. Wie gesagt, je nachdem wie die Regelungen waren, konnten wir parallel Gruppen anbieten, der Unterschied bestand hauptsächlich in den Gruppengrößen.

Neben diesen Einschränkungen, was ist für dich bzw. euer Team in der Coronazeit schwieriger, was aber vielleicht auch einfacher geworden?

Also schwieriger war, gerade zu Beginn, dass die Zeiträume, in denen sich Vorgaben änderten, unheimlich kurz waren. Wir mussten im Prinzip von Woche zu Woche schauen, welche neuen Regelungen es gibt. Dann mussten wir auf die Regelungen reagieren und überlegen, wie wir diese implementieren können. Unsere Jahresplanung die wir haben, sowie unser Tagesgeschäft konnten wir nicht in der Form umsetzen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Es war uns natürlich unheimlich wichtig, dass dieser Standort auch sicher ist. Wir wollten absolut vermeiden, dass das P-Dorf für einen weiteren Virusausbruch verantwortlich gewesen wäre.

Leichter bzw. stressfreier war die eigentliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, weil einfach viel weniger los war. Alle mussten sich zuvor anmelden und es gab wenige spontane Wünsche durch den Wegfall der offenen Tür. Aber für die Arbeitszufriedenheit war das nicht so schön, weil wir das normale Pensum mit all der Spontanität und den vielen Kindern und Jugendlichen mögen und damit glücklich sind. Das ist leider weggefallen über das gesamte letzte Jahr.

Hat man den Kindern und Jugendlichen angemerkt, das sich etwas an der Stimmung im P-Dorf geändert hat?

Was sie geäußert haben und was man ihnen angemerkt hat ist, dass das Gefühl von gemütlichem Zuhause sein verloren gegangen ist. Es gab kein entspanntes am Tisch sitzen mehr, ohne dass auf Masken und Abstand geachtet werden musste. Gerade für diejenigen, die das P-Dorf anders kennen – also vor der Pandemie – gerade denjenigen hat man die Veränderung angemerkt.

Du sagtest, die Kinder und Jugendlichen mussten sich zu den Angeboten anmelden. Gab es dadurch auch neue Gesichter?

Ja, auf jeden Fall! Da wir gezielt Programme beworben haben, sind auch einige Eltern auf die Angebote gestoßen, welche Freizeitbeschäftigungen für ihre Kinder gesucht haben. Die haben vermehrt dann ihre Kinder hier angemeldet.

Sprechen wir über den Lockdown ab November 2020. Wie ist es denn gerade im P-Dorf? Was könnt ihr denn gerade anbieten?

Also wir können alles anbieten, was nicht in Präsenz mit den Kindern und Jugendlichen stattfindet. Das heißt wir können online über Zoom oder WhatsApp, sowie über Telefon beraten und haben für die Kinder und Jugendlichen ein offenes Ohr. In großen Notfällen können wir uns auch persönlich mit Abstand und Maske treffen.

Ansonsten bieten wir viele Online-Angebote an, beispielsweise Kreativanleitungen zum basteln oder upcycling für jüngere Kinder. Mit den Jugendlichen treffen wir uns öfter im Discord und spielen gemeinsam Onlinespiele. Wir haben auch überlegt demnächst einen Online-Escape-Room auszuprobieren. Bei der Spielrunde hat sich inzwischen ein fester Kreis gebildet, aber natürlich sind auch neue Gesichter gerne gesehen. Manchmal bekommen wir auch Nachrichten, die sich dann um ein spezielles Problem handeln, also zum Beispiel Bewerbungen, wo der- oder diejenige dann Hilfe benötigt.

Wie werden denn die Angebote so angenommen?

Also die Online-Spielrunden, wo wir dann auch miteinander reden und uns live unterhalten können, das wird sehr gut angenommen.

Bei den Bastel- und Kreativanleitungen können wir das gar nicht so genau nachvollziehen, weil wir die ja online stellen. Wir schreiben zwar immer dazu, dass gerne die Ergebnisse mit uns geteilt werden können, das passiert auch zum Teil, aber 100% können wir das nicht nachvollziehen, wer da alles mitmacht. Bei einer Aktion haben wir jedoch sehr gutes Feedback bekommen, da haben wir jeder und jedem, der bei uns im Programm war, einen Brief mit einem Gruß und einer Anleitung für ein Freundschaftsarmband geschickt.

Wie versucht ihr denn Feedback zu bekommen und wie setzt ihr das um?

Manchmal kommen Ideen von den Jugendlichen, aber wir hören auch immer mal wieder nach. Da gibt es ja gute partizipative Methoden für den Einbezug der Kinder und Jugendlichen. Oder aber auch durch Beobachtungen. Das ist allerdings im Moment sehr schwierig, wenn alles nur online läuft. Da sind eigentlich gerade die einzigen Wege zu fragen und auszuprobieren. Aber unser Ziel ist es schon immer nachzufragen und das dann auch zu schauen, wie man das im jetzigen Rahmen umsetzen kann.

Wo siehst du bei den Veränderungen in eurer Arbeit Vor- aber auch Nachteile?

Für uns als Fachpersonal hat es den Vorteil, dass wenn man in irgendwelchen Mustern oder einem gewissen Arbeitstrott festgesteckt hat, sich durch die neue Situation von diesem befreien musste. Da müssen wir uns dieser neuen Herausforderung stellen und das sehe ich positiv. Auch ein Vorteil ist, dass wir zumindest irgendwie mit den Jugendlichen in Kontakt stehen können. Das ist für Jugendlichen und unsere Arbeit ungemein wichtig. Allerdings ist es sehr schwer, neue Gesichter richtig kennenzulernen. Vorteilhaft ist ebenfalls, dass die Digitalisierung, die ja bisher vernachlässigt wurde, jetzt mehr gepusht wird. Neue Ideen werden auf den Weg gebracht, was vorher nicht möglich gewesen wäre. Ganz klarer Nachteil ist natürlich, dass wir keinen direkten Kontakt haben können. Denn direkt mit den Menschen zu agieren und in Beziehung zu treten ist ein Kernaspekt unserer Arbeit.

Was würdest du dir wünschen, wenn jetzt so langsam die Maßnahmen gelockert werden?

Also mein Wunsch wäre es, wenn erst mal langsame Schritte gemacht werden, damit wieder direkter Kontakt hergestellt werden kann. Das wir wieder die Möglichkeit haben, den Kindern und Jugendlichen ein Raum zu bieten, wo sie Zuflucht finden, wo sie sich aufhalten können, wo sie in Beziehung mit uns und anderen treten können, wenn sie das möchten. Ich denke, dass ist gerade für die Entwicklung eine ganz relevante Geschichte. Gerne kann der Kontakt auch mit Abstand und Maske sein, Hauptsache, wir können wieder in persönlichen Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen treten.

Wenn die Maßnahmen gelockert werden, habt ihr dann schon Ideen, was ihr dann wieder anbieten würdet?

Ich denke, dass das wieder einen ähnlichen Weg nehmen würde, wie es auch nach dem ersten Lockdown gelaufen ist. Wir haben eine Jahresplanung gemacht und überlegt, wo wir wann thematisch hin wollen. Da haben wir uns schon Angebote überlegt. Die Frage ist natürlich, in welchem Rahmen kann das dann stattfinden? Wir werden also wieder mit Kleinstgruppen anfangen und hoffentlich ist dann irgendwann eine Art „offene Tür“ möglich. So sind wir jedenfalls an die Vorbereitung herangegangen. Wir planen jetzt ganz viel und schauen dann, wie wir die Thematiken umsetzen können, wenn es so weit ist.

Gib es Erfahrungen aus dem Lockdown oder vielleicht aus der gesamten Coronapandemie, die du für dich mitnehmen kannst?

Ja, tatsächlich glaube ich, habe ich oder wir als Team schon eine größere Gelassenheit dahingehend entwickelt, dass man sich auch in fixen Regelungen bewegen kann. Am Anfang waren wir sehr darauf bedacht uns in diesem sicheren Rahmen auch zu bewegen und das tun wir auch weiterhin. Aber uns alle beeinflusst das nicht mehr so stark persönlich und versetzt und nicht mehr so stark in einen persönlichen Stress. Also ich glaube, wir haben tatsächlich ein bisschen Routine und Gelassenheit gelernt.

Überträgt sich das auch auf die Jugendlichen?

Ich denke schon, ja. Ich glaube am Anfang nach der ersten Lockdownphase konnten wir den Jugendlichen nur wenig Sicherheit vermitteln, weil wir selber total im luftleeren Raum geschwebt sind. Ich glaube aber, dass wir jetzt, auch wenn die Maßnahmen sich schnell wieder ändern können, als Personen viel gefestigter damit umgehen können, eben weil wir diese Erfahrungen gemacht haben.

Das Interview führte Paul Hannig.