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Im Interview: Catarina Gombe

Interview
Bild: Pixabay

 

Catarina Gombe ist Jugendbildungsreferentin für dieamadeu-antonio-stiftung Log Praxisstelle ju:an, ein Projekt der Amadeu Antonio Stiftung in Niedersachen. Dort findet die Bildungsarbeit gegen Rassismus und Antisemitismus statt.

 

Frau Gombe, warum ist es Ihnen wichtig dieses Thema mit Jugendlichen zu bearbeiten?

Ich habe gemerkt, dass diese Themen in dem regulären Schulunterricht einfach untergehen und dass Lehrer*innen oft überfordert sind mit Rassismus und Antisemitismus. Da versuchen wir zu sensibilisieren, damit sie diese Themen ernst nehmen, da dies die Lebensrealität von vielen Jugendlichen ist. Wir wollen ihnen auch Gehör verschaffen, sodass sie eine Stimme bekommen.

Wer ist Ihre Zielgruppe, die Sie mit diesen Workshops ansprechen wollen?

Unsere Zielgruppe ist in etwa zweigeteilt. Wir machen einmal die Jugendbildung, das sind Jugendliche und junge Erwachsene ungefähr im Alter zwischen 14 und 27 Jahren. Wir haben aber gemerkt, dass nachdem wir mit den Jugendlichen arbeiten, beispielsweise im Nachmittagsbereich von Ganztagsschulen, wir oft gesagt bekommen, dass sie gerne weiter an diesen Themen arbeiten wollen. Die Lehrer*innen oder die Schulsozialarbeiter*innen sind aber oft überfordert mit dieser Situation. Deswegen haben wir gesagt, dass wir auch mit den Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen, pädagogischen Fachkräften und mit Multiplikatoren*innen zusammenarbeiten, sodass diese auch sprechfähig und handlungsfähig für diese Themen werden.

Aus diesem Grund haben wir die zwei Zielgruppen: einmal die Jugendbildung, bei der wir konkret mit Jugendlichen arbeiten, sowie die Erwachsenenbildung, wofür meine Kollegin Johanna Thiemecke hauptsächlich verantwortlich ist. Wir bieten damit Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen, pädagogischen Fachkräften, aber auch Studierenden die später in soziale Berufe gehen Beratungen und Fortbildungen an.  

Wo bieten Sie welche Workshops an?

Das hängt immer davon ab, was wir für Anfragen bekommen. Die Anfragen sind immer sehr individuell und spezifisch. Das heißt nicht, dass ich den Workshop, den ich in Dinslaken anbiete auch nicht woanders machen kann. Ich könnte dies auch, aber es ist immer sehr wichtig, dass wir bedarfsorientiert und prozessorientiert arbeiten. Das heißt, dass wir uns nach den Bedarfen die geäußert werden richten und unser Angebot dementsprechend anpassen. Wir passen dann unsere Methodik und unsere Konzepte an, sodass wir in etwa wie maßgeschneidert die Workshops und Fortbildungen anbieten können. Jede Einrichtung, jede Schule oder jedes Jugendzentrum hat natürlich andere Bedarfe.

Hat sich die Resonanz zu den Workshops in den letzten Jahren geändert?

Ja, wie bereits erwähnt arbeiten wir sehr prozessorientiert und merken zum Beispiel momentan, dass viele Anfragen zum Thema Verschwörungsideologien im Zusammenhang mit Corona kommen. Der Antisemitismus ist gerade auch wieder sehr präsent durch Verschwörungsideologien. Da sind vor allem Lehrkräfte überfordert, da sie zum einen bemüht sind in den Schulen überhaupt wieder normalen Alltagsbetrieb zu bekommen und zum anderen dann noch zusätzlich mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungsnarrativen überfordert sind. Antisemitische und rassistische Narrative, die beispielsweise bei den Hygienedemos geäußert werden, schnappen die Jugendlichen dann auf und verbreiten diese weiter.

Ebenfalls eine große Folge von Corona ist, dass der Rassismus gegen asiatisch gelesene Menschen gestiegen ist. Da wollen wir auch für asiatisch gelesene Menschen Empowerment-Workshops anbieten. Da keiner aus meinem Team diese Lebensrealität hat und keiner asiatisch gelesen wird, laden wir uns Experten*innen und Referent*innen ein, die davon betroffen sind. Wir versuchen immer am Puls der Zeit zu bleiben und zu schauen, was gerade tagespolitisch, sowie auf der Welt passiert. Entweder kommen die Leute zu uns, oder wir merken beispielsweise der Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen steigt und wir wollen darauf reagieren. Wir wollen die betroffenen Menschen empowern, wir haben die Ressourcen dafür und wollen prozess- und bedarfsorientiert arbeiten.

Wie haben Sie Ihre Veranstaltungen online umsetzen können?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir umdisponieren mussten und haben eigentlich seit Mai/Juni die meisten Veranstaltungen online gemacht. Zwischendurch war es wieder möglich, offline Veranstaltungen durchzuführen. Durch den „Lockdown light“ mussten wir wieder alles auf das Internet verschieben, das wird aber ganz gut angenommen. Das war erstmal eine Herausforderung, zum Beispiel für Empowerment-Workshops. Wenn wir dort mit vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten, die von Rassismus und Antisemitismus betroffen sind um sie zu stärken und Safer Spaces zu schaffen, wo sie untereinander ihre Erfahrungen und ihre Lebensrealitäten teilen können, ist das natürlich online eine Herausforderung. Wir haben nach dem Tod von George Floyd gemerkt, dass vor allem Schwarze Jugendliche und junge Erwachsene gerade Empowerment-Räume brauchen und haben eine Veranstaltungsreihe organisiert mit verschiedenen Trainer*innen. Das war digital und es wurde sehr gut angenommen. Ein solcher Raum ist ein sehr emotional aufgeladener Ort, wenn man über seine Rassismuserfahrungen oder Antisemitismuserfahrungen spricht, aber das haben wir sehr gut hinbekommen.

Was ist für Sie ein Zeichen, dass die Inhalte die Sie vermitteln wollen bei den Teilnehmer*innen angekommen sind?

Wenn es unbequem wird, weil ich dann merke, dass die Leute sich mit etwas auseinandersetzen. Sie reflektieren sich, oder hinterfragen sich vielleicht. Diese Themen sind sehr schwierige und emotional aufgeladene Themen, bei denen vor allem Betroffene in einem Raum sind mit Leuten der Mehrheitsgesellschaft, also weißen Leuten. Wenn ich dann beispielsweise sehe, dass sich die weißen Teilnehmer*innen anfangen zu hinterfragen: „Okay ich bin vielleicht doch nicht so tolerant, wie ich dachte,“ oder sie erkennen, dass sie diese Rassismen in sich haben, weil wir einfach rassistisch sozialisiert wurden und in rassistischen Strukturen leben. Wenn ich dann merke, dass so ein Prozess angeregt wird und es ein bisschen ungemütlich wird und ich merke, Personen setzen sich mit ihrer Geschichte auseinander und versuchen die Perspektive von Betroffenen anzunehmen und nicht zu hinterfragen. Oder sie sagen nicht, es sei aber in Deutschland gar nicht so schlimm wie in Amerika. Wenn ich da merke es macht klick bei den Leuten oder es finden Diskussionen statt, die auch vielleicht mal reiben oder aneinander docken, dann bin ich zufriedenerer, als wenn jede*r sagt: „Ach es war ein schöner Workshop und wir gehen hier alle friedlich raus.“ Oder wenn Leute nach noch einen weiteren Workshop fragen, vielleicht eine Reihe, bei der wir regelmäßig kommen und zusammenarbeiten, dann ist es immer sehr schönes Zeichen für mich.

Welche Erfahrung nehmen Sie persönlich aus den Workshops mit?

Die Workshops sind für mich auch immer super bereichernd und ich lerne viel dazu. Natürlich bringe ich eine gewisse Expertise mit, aber ich merke auch, dass es für mich wichtig ist andere Perspektiven zu sehen, andere Lebensrealitäten.

Wie ich bereits sagte wollen wir mit Menschen, die asiatisch gelesen werden Veranstaltungen organisieren, aber ich kann ja nicht davon sprechen, weil ich nicht asiatisch gelesen werde. Deswegen finde ich es schön, andere Perspektiven auf das Thema Rassismus und Antisemitismus zu sehen. Wenn ich mich beispielsweise mit jüdischen Kolleg*innen austausche und deren Lebensrealität mitbekomme, ist das für mich sehr bereichernd. Ebenso ist es, wenn ich bei jungen Leuten merke, dass sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt wird. Oder auch in einem Empowerment-Raum zu sehen, dass ich mich (auch wenn ich gerade als Expertin dort bin) auch als betroffene Person stärken kann aus diesem Raum, weil dies unheimlich viel Kraft gibt.

Wo findet man weitere Infos über die Stiftung und eure Arbeit?

Es gibt die Website der Stiftung https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/, Logo ju:an Praxisstelle
Instagram und Facebook. Einen Link zur Praxisstelle ju:an
findet man auch dort. Wir haben einen Flyer, der auf der Website zu finden ist. Zudem kann man sich auf der Webseite über unsere Veranstaltungen informieren. Wir sind niederschwellig per E-Mail, oder auch telefonisch erreichbar.