#News - Politik Archiv Information Schule, Uni, Job

Das Bildungssystem in Chile und wie ungleich es ist

Katharina aus unserem Redaktionteam lebte von Sommer 2016 bis Sommer 2017 für ein Jahr in Maipú, einem Vorort von Santiago de Chile und hat dort miterlebt, wie ungleich das Bildungssysthem in Chile ist. In diesem Artikel teilt sie ihre Beobachtungen mit uns. 

Die Sonne brennt auf den Asphalt. Mit jedem Bus stürzen sich neue Menschen ins Getümmel. Im Schatten drängen sich Verkäufer mit ihrem Angebot aus Sonnenbrillen, Handyhüllen oder Schuhen und rufen laut, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu bekommen. Ein ganz normales Bild auf der Plaza de Maipú gegen Mittag. Die Plaza ist gleichzeitig zentraler Treffpunkt, Zugang zu einigen Einkaufsstraßen und Endhaltestelle der U-Bahnlinie 5, die den Passagier in 30 Minuten aus dem Stadtzentrum Santiagos in den Vorort bringt. Das Bild, das man dabei von Chile erhält, unterscheidet sich sehr stark am Ein- und Ausstiegspunkt: am Baquedano liegt das Theater und Konzerthaus der Stadt, riesige Reklametafeln werben für Handys und gutgekleidete europäische Touristen strömen im Schatten der Bäume über die Straßen. In Maipú ist alles irgendwie echter, schmutziger und lebendiger und man bekommt sehr schnell ein Gefühl für die Verhältnisse in diesem widersprüchlichen Land. Leider gehören dazu auch die Menschen, die sich jeden Tag auf die Plaza stellen müssen, um sich ein bisschen Geld dazu zu verdienen.

Chile ist eines der lateinamerikanischen Länder mit der meisten Ungleichheit in der Bevölkerung. Zwar ist der Lebensstandard insgesamt vergleichsweise hoch, aber es gibt eine scharfe Trennung zwischen den sozialen Klassen, die man sogar mit einem Blick auf den Stadtplan sehen kann: die Plaza Italia, eine der Hauptverkehrsstraßen, teilt Santiago in zwei Hälften. Im Westen fährt man durch riesige Siedlungen, in denen kein Haus mehr als zwei Stockwerke hat und die meistens eher wie Garagen aussehen. Währenddessen fliehen die Reichen im Osten immer höher in die Anden, um dem Verkehr, Lärm und Smog zu entkommen.

Die finanzielle Situation einer Familie hat allerdings nicht nur Auswirkungen auf den Wohnort, sondern auch auf die Schule, die ein Kind besuchen kann. Es gibt drei Schultypen, einmal private Schulen, öffentliche Schulen und private Schulen, die vom Staat finanziell unterstützt werden. Für den Besuch einer öffentlichen Schule muss kein Schulgeld bezahlt werden, und deswegen können große Teile der Bevölkerung nur diese Schulen besuchen. Leider gibt es dort oft keine guten Lehrer, die Klassen sind viel größer und die Schüler haben viel Unterricht als in den privaten Schulen. Die Folge? Die Schüler von öffentlichen Schulen können oft entweder gar nicht oder nicht das studieren, was sie wollen.

Der Grund dafür ist ein allgemeiner Test, den alle Schüler schreiben müssen, bevor sie auf die Universität gehen können. Dieser Test heißt Prueba de Selección Universitaria (PSU). Alle Teilnehmer werden denn abhängig von ihren Ergebnissen in ein Ranking eingeordnet und die Universitäten können sich die Schüler aussuchen. Dadurch können nur die besten Schüler zum Beispiel Medizin oder Jura studieren. Ein Vorteil ist, dass alle Schüler auf der gleichen Grundlage beurteilt werden. Andererseits schneiden die Schüler von privaten Schüler statistisch viel schlechter ab als die Schüler von privaten Schulen. Eine Freundin aus meiner Klasse in Chile, Michi Zambrano, hat das so genannt: „Es ist ein unfaires System, das nicht die Intelligenz oder alles, was man in der Schule gelernt hat, bewertet.“ Außerdem sind die Studiengebühren von allen Universitäten abhängig vom Studiengang sehr hoch und unbezahlbar für manche.

Es ist jetzt erkennbar in welche Richtung das weiter geht – Schüler, die aus armen Familien kommen, können keine gute Schule besuchen und werden dadurch eher auf schlechten Universitäten studieren. Später werden sie dadurch immer weniger Geld verdienen, weil sie manche gut bezahlten Berufe wie Arzt gar nicht ausüben können, oder sie sind schlechter qualifiziert. Es entwickelt sich also ein Teufelskreis, weil auch diese Familien ihren Kindern keine bessere Schulbildung bezahlen können werden.

Das Problem ist schon lange bekannt, und es gab immer mal Bemühungen von Seiten der Politik, diese unfaire Situation zu verbessern. In den 70-er Jahren wurde die Grundschulbildung kostenlos, so dass alle Kinder zumindest erst mal zur Schule gehen können. Außerdem gibt es Stipendien für die Universität, aber die werden nur an die besten Schüler vergeben.

Regelmäßig protestieren die Oberstufenschüler in Santiago für ein gerechteres Bildungssystem, aber bis jetzt hatten sie wenig Erfolg. Der neue Präsident hat jetzt angekündigt, die Ausbildung in Fachhochschulen kostenlos zu machen, und man kann nur abwarten, was daraus wird…

Schulbildung, die vom Einkommen der Eltern abhängt. Ungleiche Chancen für benachteiligte Kinder. Ungleichheit im Bildungssystem, die im ganzen Land sichtbar ist. All das sind sehr aktuelle Probleme, die gelöst werden müssen, um eine faire Gesellschaft zu schaffen.

(Text: Katharina Schwerdt)

Hinterlasse einen Kommentar